Zum Abschied
Administrator 5. März 2009
WENN ES WAHR SEIN DARF
Jetzt ist es heraußen. Das best gehütete Geheimnis der Republik. Der junge Mann hat seinem uns noch unbekannten Gegenüber alles erzählt, was er über die wahren, der Öffentlichkeit verborgenen Hintergründe der österreichischen Presse weiß:
Dass sämtliche Printmedien des Landes in Wirklichkeit von einer einzigen, aus drei Leuten bestehenden Redaktion hergestellt werden.
Dass Überschriften der „Kronen-Zeitung“ mit Hilfe eines speziellen Rechtschreibkontroll-Programms entstehen. („Man tippt zum Beispiel „N-e-g-e-r-s-a-u“ - und der Computer bessert’s automatisch aus und schreibt „Schwarzafrikanischer Asylwerber“. Das Faszinierende: Der Leser spürt das Original trotzdem irgendwie durch.“)
Dass die Zeitung „Österreich“ aus Recycling-Überlegungen gegründet wurde. („Man muss sich einmal überlegen, was da herinnen Tag für Tag weggehaut wird, journalistisch! Weil ein Druckfehler drinnen ist, weil es nimmer stimmt, weil es keinen interessiert, weil es einfach schlecht ist. Das kommt jetzt alles da rein! Früher haben wir’s in Mist gehaut – heut verkaufen wir’s! Also daweil verteilen wir’s noch.“)
Dass die in der Öffentlichkeit auftretenden Zeitungsmacher in Wahrheit Schauspieler sind. („Der den Dichand spielt, war 1947 als „König Lear“. am Landestheater Graz. Handwerklich furchtbar, eine totale Knallcharge, aber soooo ein Selbstbewusstsein! Insofern die Idealbesetzung. Der Fellner-Darsteller war Gebrauchtwagenhändler in Anif, seine Frau hat dort ein Nagelstudio. Die spielt uns derzeit die Uschi Fellner und die Isabella Klausnitzer gleichzeitig. Das kommt natürlich auch in der Ausstattung billiger.“)
Dass eine „News“-Story („Der große Sex-Atlas! Erotik-Bundesländercheck mit Bezirksranking! So gut ist Österreich im Bett!“) oft nur mit veränderter Überschrift auch im „profil“ erscheint. („Die fünfzig größten Sex-Lügen! Warum in Österreichs Schlafzimmern zunehmend nur noch die Kartoffelchips knistern!“)
Dass „Format“ drei Wochen lang irrtümlich auf finnisch erschienen ist, ohne dass es wem aufgefallen wäre.
Aber nun wird alles ans Tageslicht kommen. Wir erkennen, dass sich unser Geheimnisträger für seine Enthüllungen einen Adressaten ausgesucht hat, dessen journalistische Integrität über alle Zweifel erhaben ist. Armin Wolf. „Ich weiß, dass Sie nicht lügen“, antwortet er ihm, „und meine Chefs wissen das auch.“ Da fällt es unserem jungen Aufdecker wie Schuppen von den Augen: Wie konnte er nur so naiv sein zu glauben, der ORF sei ein unabhängiger Gegenpol zur medialen Komplett-Verfilzung in diesem Land? Und während die drei nun dazugekommen Blattmacher beschließen, das beim Geständnis aufgezeichnete Videoband mit der „Enthüllung“ nicht einfach zu vernichten, sondern als „Satire“ in der Donnerstagnacht-Serie „Die 4 da“ zu spielen, verlässt Wolf resignierend mit den Worten „Manchmal ist es in diesem Land echt mühsam“ zu den Klängen von „Sympathy for the devil“ und dem einsetzenden Schlussroller die Szene.
Unter dem Titel „Der vierte Mann“ wurde diese – so wie alle anderen „Die 4 da“-Folgen auch von Rupert Henning, Thomas Maurer und mir geschriebene – Geschichte am 8. März des Vorjahres im ORF ausgestrahlt. Die Reaktionen waren ziemlich einhellig: „So wurde dieses Thema im ORF noch nie behandelt.“ „Hätt ich mir nicht gedacht, dass so was möglich ist.“ „ Und das habt ihr einfach so machen dürfen?“
Ja, wir durften.
In den 20 Folgen der Serie gab es keine Zensur, keine verbindlichen Interventionen und keine vorgegebenen Tabu-Themen. Wir hatten einen beachtlichen Freiraum, den wir auch zu nutzen versuchten.
Wir präsentierten islamische, jüdische und katholische Fundamentalisten in einer überdrehten Sitcom als fidel-chaotische Wohngemeinschaft zusammen lebend, die ihr Hass auf Frauen und die gemeinsam verübten Attentate auf Schwulen-Demos über alle Vorbehalte hinweg verbindet. („Und so geht mit Gottes Segen zentnerschwerer Steine-Regen auf die warmen Brüder flächendeckend nieder!“)
Wir schilderten die zukünftige „Entjörgifizierung“ Kärntens durch die vier alliierten Siegermächte Slowenien, Steiermark, Osttirol und Wien, in deren Verlauf bei den so genannten „Wolfsberger Prozessen“ auch die Verantwortung für die umstrittenen Landesgesetz-Beschlüsse der „Wörthersee-Konferenz“ geklärt wurde.
Wir ließen den Raiffeisen-Landesjägermeister, nachdem er die Zukunft des ORF geordnet hatte, samt Sauschädel mit seinem Hochsitz einstürzen, die „Zeit im Bild 2“ von einem die Wahrheit über den „Eurofighter-Deal“ vom Waffen-Lobbyisten Albert Bensdorp-Millefeuille. einfordernden Bürger überfallen, und Barbara Rosenkranz unter den wohlwollenden Blicken von H.C. Strache und Gottfried Küssel beim Springen über das Sonnwendfeuer explodieren.
Wir durften das.
Weil wir ein öffentlich-rechtliches Feigenblatt waren? Weil sich die Erkenntnis, dass echte Satire nur ohne Schere im Kopf entstehen kann, endlich auch am Küniglberg durchgesetzt hat? Oder weil die noch von Reinhard Scolik beschlossene Sendung mit Sandra Winkler und Peter Wustinger zwei Sendungsverantwortliche hatte, die uns immer den Rücken frei hielten?
Gegenwind verspürten wir erst in einer der letzten Folgen, als wir in „Der Landeshauptmann von Mittelösterreich“ die Ehrfurchts- und Angst-Paralyse der ORF-Landesstudios vor ihren jeweiligen Landesvätern thematisierten. Das soll für einige hausinterne Aufregung gesorgt haben. Ansonsten können wir uns nicht über einschüchternde Reaktionen beklagen. Eher im Gegenteil. Als wir in „Reicher leben mit Martin Schlick“ die dubiosen Geschäfte eines Wiener Oligarchen samt dessen Verbindungen zum „Verein der Freude an der Wiener Polizei“ beleuchteten, wofür wir eifrig recherchiert hatten und dabei sogar auf die versuchte Journalisten-Bestechung durch einen Pressesprecher stießen, hätten wir mit heftigerem Echo gerechnet. Doch nichts passierte. Tage später meldete sich besagter Pressesprecher bei einem Journalisten nur mit der lapidaren Frage: „Woher wissen die das alles?“ So viel zur Thema: Was bewirkt Satire.
Doch das änderte nichts an unserer hohen Motivation. Selbige war auch angesichts der Rahmenbedingungen dringend notwendig. Für neun Folgen standen uns 25 Drehtage zur Verfügung. Bei einem Konzept, das jedes Mal ein neues filmisches Stilmittel bedienen soll – Thriller, Lifestyle-Magazin, Zombie-Film, Bauerntheater, historische Doku, und viele mehr - geht das nur unter massiver Bereitschaft zur Selbstausbeutung. Drehtage von 6 Uhr früh bis 2 Uhr nachts waren nicht die Ausnahme, sondern die Regel. (An dieser Stelle, danke an das großartige Produktionsteam, ihr habt neben hoher Professionalität auch großen Idealismus bewiesen!) Und in einem Moment wie jenem, als wir bei den Dreharbeiten für die Große Koalitions-Parabel „Das Bundesrestaurant“ weit nach Mitternacht am Boden einer Großküche lagen - ich als Gusenbauer unter kaltem Gulasch begraben, Maurer als Molterer mit einer Cremetorte im Gesicht und Henning als Cap mit einem echten, unfassbar stinkenden Truthahn am Kopf (Steinhauer hatte als zusammenbrechender Oberkellner-Bundespräsident schon fertig gedreht und war daher an diesem Abend fein raus) - tauchte dann doch die Frage „warum tun wir uns das an?“ auf. Zum Glück fanden wir rasch unsere Antwort. „Weil wir das dürfen.“
Weil wir das durften.
Die TV-Serie „Die 4 da“ wird nicht fortgesetzt. Aus „Kostengründen“ wie wir seitens des ORF erfahren durften. Die in diesem Zusammenhang kolportierte „Halbierung der Quote“ ist Blödsinn, der sich durch einen Blick auf die tatsächlichen Zahlen leicht widerlegen lässt. Unser Marktanteil schwankte zwischen 10 und 14 %. Das ist nicht viel, aber auch nicht ganz wenig. Als Quotenknüller war dieses Format auch nicht wirklich konzipiert. Anders als bei abgefilmter Stand-up-Comedy gab es eine durchgehende Handlung, für deren Verständnis man schwer mittendrin einsteigen oder hin- und herzappen konnte.
Dafür brachten wir dem ORF eine gute Nachrede. „Die Presse“ wählte „Die 4 da“ zum „besten Fernseh-Ereignis des Jahres 2007“, die Leser von „standard at.“ zur einzigen ORF-Produktion unter die „TV-Top five 2008“, und für das beste Drehbuch gab es heuer auch eine „Romy“. Wir haben uns gefreut.
Und was dürfen wir jetzt?
Wir dürfen uns bedanken. Bei jenen, die diese Sendung ermöglicht haben. Bei allen, die zugeschaut haben, und denen es nicht wurscht war, was wir da machen, und die uns manchmal gefragt haben: „Seid ihr vier da wirklich so frei?“
Wir waren so frei.
Die4Da
Florian Scheuba, Erwin Steinhauer, Rupert Henning, Thomas Maurer
